Reisebericht – News aus dem Omo Valley

Besuch bei den Kindern

Ich schreibe diese Zeilen mit großer Freude. Ich sitze gerade am Flughafen in Addis Abeba und warte auf meinen Anschlussflug zurück in die Heimat und nütze die Zeit, Ihnen von meinem Besuch bei den Mingi-Kindern im Kinderheim in Jinka zu berichten. Und in Zukunft werde ich unsere Kinder nicht mehr so nennen, denn „Mingi“ bedeutet ja verflucht und dieses Wort möchte ich im Zusammenhang mit diesen bezaubernden Wesen nicht mehr verwenden.

Zunächst das Wichtigste: allen Kindern geht es prächtig, sie blühen und gedeihen, gehen brav zur Schule und freuen sich des Lebens – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Es ist rührend zu sehen, wie sich die größeren Kinder ganz selbstverständlich um die Kleineren kümmern, sie regelrecht behüten; überhaupt begegnen sich die Kinder untereinander mit viel Liebe und Zuwendung. Vorgelebt wird das von den Nannys, 8 Äthiopierinnen, die für die Kinder sorgen, kochen, Wäsche waschen, das Heim sauber halten – kurz, alles machen, was anfällt. Eine davon ist immer 24 Stunden im Heim, um auch nachts zur Verfügung zu stehen. Die Kinder nennen diese – immer fröhlichen – Frauen liebevoll „Mummy“, und diese Bezeichnung haben sie mehr als verdient!

Lassen Sie mich kurz den Tagesablauf der Kinder schildern: Montag bis Freitag gehen die größeren Kinder nach einem Frühstück, das aus selbstgebackenem Brot (das richtig gut schmeckt) und Tee besteht um 07:30 Uhr zur Schule und mittags kommen sie zum Essen zurück ins Heim. Meist gibt es dickflüssig eingekochte Gemüsesuppen und Brot. Dann spielen oder ruhen die Kinder eine Stunde und dann geht es wieder zur Schule. Um 17:00 Uhr kommen sie aus der Schule nach Hause und Lale und sein Team helfen bei den Hausaufgaben, lernen mit den Kindern und prüfen, wo die einzelnen Kinder Unterstützung brauchen. Was in unseren Haushalten selbstverständlich ist, nämlich Kinder beim Lernen zu unterstützen, ist in Äthiopien absolut unüblich. Aber Lale verfolgt sein Ziel, bestmöglich ausgebildete junge Menschen in die Welt hinauszuschicken, die das Schicksal ihres Landes verändern können, mit einer beispiellosen Hartnäckigkeit.

Die kleineren Kinder bleiben im Heim und werden von den Mummys beaufsichtigt. Die Kinder sind recht selbständig und gut darin, sich auch mal eine Weile alleine zu beschäftigen. Gespielt wird mit allem, ein alter Fahrradreifen wird mit einem Stock durch den Hof gejagt, der Besen wird zum Pferdchen, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Überhaupt sind die Kinder immer in Bewegung. Sie zeichnen und malen nicht wirklich gerne, den ganzen Tag in der Schule stillzusitzen, erfordert schon viel Disziplin von ihnen. Lieber tummeln sie sich im Hof des Heims, sie spielen fangen und Abzählreim-Spiele, Fußball und Basketball oder helfen beim Kehren des Hofes und beim Wasser tragen. Sie sind immer in Bewegung.

Aber eine Sache gibt es, wo alle Kinder stillsitzen und ganz gebannt schauen und zuhören: wenn man ihnen am Handy oder Laptop Bilder zeigt. Ganz besonders angetan haben es ihnen Kirchen.

Die Kinder werden ja im katholischen Glauben erzogen und unsere prächtigen gotischen und romanischen Kirchen faszinieren sie. Das Interesse an allem für sie Fremden ist generell sehr groß, die Kinder haben mich regelrecht mit Fragen bombardiert.

Schnell hat sich daraus eine tägliche „Erzählstunde“ vor dem Abendessen entwickelt. Wir haben uns im Gemeinschaftsraum auf den Boden gesetzt, alle zusammengekuschelt und die drei ältesten Kinder, die schon recht gut Englisch sprechen, sind mit einer vorbereiteten Frageliste (damit sie ja nichts vergessen!) erschienen: wie hoch sind die Berge in Österreich, gibt es bei uns auch eine Regenzeit, welche Religionen, welche Musik, welche Traditionen und Feste und und und … und natürlich auch viele persönliche Fragen. Die Kids haben mich teilweise ganz schön ins Schwitzen gebracht!

Zum Abendessen gibt es Injera, das sind dünne Sauerteigfladen aus dem äthiopischen Getreide Teff (oder jedem anderen verfügbaren Mehl z.B. aus Bohnen), auf dem ein dickflüssiger Brei namens Wot verteilt wird, der aus verschiedenen eingekochten Gemüsen besteht. Am Samstag und an Fest- und Feiertagen wird auch Fleisch, meist Ziege oder Lamm, beigemischt.

Am Samstag ist vormittags lernen angesagt und am Nachmittag spielen und Sport. Ganz besonders Basketball hat es den Kindern angetan und manch einer von den Jungs zeigt richtig Talent – wer weiß, vielleicht wächst ja ein neuer LeBron James heran (der ein ganz großes Vorbild für die Kinder ist).

Sonntags nach dem Frühstück gehen alle gemeinsam in die Kirche, dazu trägt jeder möglichst viel weiße Kleidungstücke oder zumindest ein Stück weißen Stoffs am Körper und bunte Bänder um die Stirn. Der katholische Gottesdienst dauert den ganzen Vormittag und ist ein fröhliches Durcheinander, es wird gebetet, gesungen, gedankt, gelacht, sich unterhalten – und dennoch ist die Stimmung feierlich. Eine sehr berührende Erfahrung, verglichen mit unseren europäischen Gottesdiensten (wenn auch die mit großer Leidenschaft, Lautstärke und vollem Körpereinsatz vorgetragene Predigt doch recht ungewöhnlich anmutet).

Nach dem Mittagessen versammeln sich alle und jeder darf sagen was ihm heute besonders gut gefallen hat oder Fragen stellen. Eine Religions- und Geschichtsstunde der besonderen Art! Der Rest des Tages gehört den Kindern und es werden Spiele gespielt; Fangen und Abzählreime sind am beliebtesten.  Und wenn Lale Zeit hat beteiligt er sich natürlich an den Basketball und Fußballspielen.

Nächste Projekte

Das, was sich hier teilweise so beschaulich anhört, ist Knochenarbeit. Für 50 Kinder zu sorgen, sie zu ernähren und zu kleiden, auszubilden und zu beschützen ist in einem Land wie Äthiopien doppelt schwierig. Wäsche gewaschen wird an aus Lehm gemauerten Waschplätzen, natürlich mit der Hand und gekocht am offenen Feuer. Es gibt nur einen Waschraum mit „Dusche“ ohne fließend Wasser und die Toilette ist ein Plumpsklo.

Aber Erleichterung ist in Sicht! Das neue Kinderheim, das viel mehr Platz und Komfort bietet, steht kurz vor der Fertigstellung. Im Augenblick ist Regenzeit und diese fällt heuer außergewöhnlich stark aus. Was für das Land ein wahrer Segen ist, ist für die Bauarbeiten sehr hinderlich. Die starken Regenfälle verwandeln den Bauplatz täglich in einen Schlammpfuhl und daher wird sich die Fertigstellung des Heims um 6-8 Wochen verzögern. Aber vieles ist schon fertig und ich konnte mich mit eigenen Augen von den schön gefliesten Waschräumen und Toiletten und der „modernen“ Küche (ein Herd!) überzeugen.

Der nächste Schritt wird der Bau einer privaten Schule am selben Gelände sein. Starten soll das Projekt sobald die nötigen Mittel sichergestellt sind. Einziger Wehrmutstropfen: das Land, das die Regierung für das Heim (und die Schule) zur Verfügung gestellt hat, liegt ca. 10 km außerhalb von Jinka. Daher ist die nächste, dringend benötigte Anschaffung ein Schulbus. Zum einen, um die Kinder bis zur Fertigstellung der eigenen Schule weiterhin in die öffentliche Schule in Jinka zu bringen (bisher war das mit einem halbstündigen Fußweg zu bewerkstelligen) und zum anderen um später andere Kinder, die gemeinsam mit unseren Mingi-Kindern die private Schule besuchen sollen, zur Schule und wieder nachhause zu transportieren.

Mittlerweile (langsam, aber sicher) setzt sich auch in diesem entlegenen Teil Äthiopien die Ansicht durch, dass Bildung wichtig ist und Eltern sind bereit, ein kleines Schulgeld dafür zu bezahlen. Das würde auch ein wenig Income für die Organisation bedeuten und gewährleisten, dass z.B. wirklich gutes Lehrpersonal beschäftigt werden kann und somit allen zu Gute kommen. Da Ersatzteile für einen Bus schwer zu bekommen sind und ein verlässliches Fahrzeug gebraucht wird, sind wir von der Anschaffung eines gebrauchten Fahrzeugs abgekommen und würden gerne einen neuen oder fast neuen Schulbus kaufen, Kaufpreis nach ersten Recherchen ca. 35.000 Euro.
Eine wichtige Sache steht im Mai an: Lale hat ein großes Hearing mit den Häuptlingen der verschiedenen Stämme und Vertretern der äthiopischen Regierung einberufen und wird dort seinen 5-Jahres-Plan vorlegen. Zum einen, um Unterstützung von der Regierung zu lukrieren und zum anderen, um unserem erklärten Ziel, der Abschaffung des Mingi-Aberglaubens, einen weiteren Schritt näher zu kommen.

Erste Eindrücke vom neuen Heim

Obwohl der Innenausbau noch nicht vollendet ist und die Außenbereiche noch gestaltet werden müssen, gab es während meines Besuchs eine kleine „Vor-Einweihungsfeier“ mit geladenen Gästen der Lokalpolitik, Vertretern der Kirche und anderen Organisationen wie „Woman‘s Affairs“. Hier einige Bilder dazu.

Kaffeetrinken mit einer Stammesältesten

Von einer ganz spannenden Sache kann ich noch berichten: Lale hat mich auch zum Hamer Tribe (einer der Stämme, die diesen unsäglichen Mingi-Aberglauben immer noch leben) in den tiefsten Busch mitgenommen. Vorher sind wir noch kurz in einer kleinen Lodge in Turmi eingekehrt und – wie es der Zufall so will – arbeitet dort eine junge Frau, deren Heimatdorf ganz in der Nähe liegt und sie bot sich an uns dorthin zu begleiten.

Bei unserem Eintreffen waren nur wenige Dorfmitglieder da, die meisten waren mit dem Vieh (Rinder und Ziegen) auf den Weiden oder bewirtschafteten die umliegenden Felder. Aber eine der Stammesältesten, deren Feld in unmittelbarer Nähe zum Dorf liegt, begrüßte uns und war sofort von meinen diversen Tätowierungen, ganz besonders von dem Gecko auf meinem Unterarm, begeistert. Zuerst teste sie allerdings, ob die eh wirklich echt sind und leckte einmal kräftig daran. Und als ich ihr dann noch mein Zungenpiercing zeigte, brachte mir das eine Einladung zur Kaffeezeremonie in ihre Hütte ein, eine große Ehre. Lale musste draußen bleiben, das ist nur was für Frauen, meinte sie. Mit der jungen Frau als Dolmetscherin konnte ich ihr viele Fragen stellen, sie zeigte mir stolz ihren ganzen Besitz, die perlenverzierten Becher, Felle und Gürtel und legte auch gleich den Feiertagskopfschmuck an. Nachdem ich alles gebührend bewundert hatte und auf ihr nachfragen sagte, nein, so etwas hab ich nicht, strich sie mir bedauernd über den Kopf und meinte „ohje, dann wirst Du wohl keinen Mann finden“….

Fotografieren durfte ich leider nicht viel, „diese Dinge müssen unter weisen Frauen bleiben“. Der Kaffee, auf offenem Feuer in der Hütte gekocht (daher auch gefühlte 50° Grad), aus den Kaffeeblättern und Schalen der Kaffeebohnen mit Wasser aus einem offenen gelben Kanister, gereicht in einer selbstgemachten, perlenbestickten Kalebasse, in die sie zum Saubermachen kurz hineinspuckte und dann mit dem Finger auswischte, konnte ich nicht ablehnen. Und heute kann ich Gott sei Dank sagen: es hat mir nicht geschadet!

Aber so spannend diese Begegnung auch war: Ich musste die ganze Zeit daran denken, dass ich vielleicht einer Kindermörderin gegenüber sitze… (Mingi anzusprechen war natürlich unmöglich).

Rückblick

In den letzten 5 Tagen habe ich viel Zeit mit den Kindern gemeinsam verbracht, mit ihnen gegessen, gelernt, gespielt, geholfen sie zu waschen und ins Bett zu bringen. In dieser ganzen Zeit hat nicht ein einziges Mal eines der Kinder geweint.

Die Kinder sehen ihre Situation so: Sie sind eine große Familie, die Nannys ihre Mütter und Lale ihr Vater und Lale’s Team (sein Stellvertreter, der „Nachhilfelehrer“ etc.) sind ihre Onkel. Die Kinder sind alle Geschwister und alle gehören zusammen und werden für immer füreinander da sein. Sie wissen allerdings, dass es Menschen in Europa gibt, denen Lale von ihrem Schicksal erzählt hat und dass diese Menschen sie liebhaben, obwohl sie sie nicht persönlich kennen und Geld geben, damit sie in die Schule gehen können und ganz besonders kluge und gute Menschen werden können. Dieser Gedanke macht sie sehr stolz und sie empfinden das auch als Verpflichtung, gut zu lernen, damit diese freundlichen Menschen in Europa stolz auf sie sein können. Und ich soll diesen Menschen ausrichten: „We all love you“!

Besonders positiv ist mir aufgefallen, dass Lale dieses Familien- und Gemeinschaftsgefühl fördert (die Kinder haben keinen eigenen Besitz, sogar die Kleidung gehört allen zusammen), aber dennoch ihre Individualität fördert. Bei jedem Kind wird geschaut, was es besonders gut kann, wo seine Talente liegen (egal ob Sprachen, Sport und auch im künstlerischen und handwerklichen Sinn) und diese Fähigkeit wird so gut wie möglich gefördert. Die Kinder werden auch viel gelobt, geküsst und gedrückt und mit Respekt behandelt, man hört ihnen zu. Aber natürlich auch geschimpft, wenn sie gar zu wild und ungestüm sind. Folgen tun sie – soviel ich gesehen habe – immer.

DANKE AN ALLE UNTERSTÜTZER

Dass diese Kinder so glücklich sind und in dem Gefühl aufwachsen „blessed“ zu sein, ist der Verdienst von Lale und seinem Team. Und damit Lale und sein Team diese Aufgabe erfüllen können, ist finanzielle Unterstützung nötig. Vielen Dank an dieser Stelle an die Menschen, die bisher gespendet haben. Und gleichzeitig der Aufruf an alle, die das Schicksal dieser Kinder berührt: Bitte öffnen Sie nicht nur Ihre Herzen sondern auch Ihre Brieftaschen und spenden Sie – jeder Euro hilft.

Spendenkonto
OMO Child Äthiopien
AT93 1500 0006 0110 2296
OBKLAT2L

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